Social Media-Aspekte: Florian Stöhrs Großvater war auch ohne Facebook und Instagram glücklich.
Florian Stöhr Veröffentlicht von am

Social Media-Aspekte: Sind wir glücklichere Menschen als zuvor?

Am Anfang dieser Revolution, in der die Gesellschaften unseres Planeten sich gerade befinden, haben wir uns unbemerkt viel vorgenommen. Seit dem Cluetrain-Manifest sind 13 Jahre vergangen. Es war als Startschuss für eine Revolution gedacht. Nicht zufällig sind es 95 Thesen wie bei Luther, denn analog zur theologischen Aufklärung des Mittelalters sollten sie das Ende des seit Jahrhunderten bestehenden Status Quo zwischen Unternehmen und Staat auf der einen Seite und Konsumenten und Bürgern auf der anderen Seite einläuten.

Der Einzelne sollte sich aus den Fesseln seiner Unmündigkeit befreien und durch die Vernetzung mit anderen die neue bestimmende Macht werden. Was war das für eine Welt, die dieser Veränderung bedurfte? Ich wurde im Jahr 1979 geboren, damit bin ich per Definition ein armer Mensch, denn ich bin generationslos. Für die Generation Golf bin ich zu jung, für die Generation Y der Digital Natives zu alt. Ich habe damit das Privileg, mich noch bewusst an die vorrevolutionären Zeiten erinnern zu können. Es war die Welt meines Opas.

Mein Großvater lebte in einer Welt ohne Instagram, in der Fotos einfach nur durch Unvermögen des Auslösenden freaky und spooky wirkten, man nach einem Urlaub vielleicht mit zwei Filmen nach Hause kam, nicht mit 1.200 Bildern auf einer halbvollen Speicherkarte. Mein Opa hatte beim Sonntagsspaziergang kein Handy in der Tasche, mein Opa hatte seinen Hut akkurat auf dem Kopf. Er war nicht immer erreichbar, man musste Glück haben, wenn er bei seinem grünen Wählscheibenapparat den Hörer abhob. Wenn er weg war von seinem Telefon – und meiner Oma – dann war er frei. Mein Opa hatte kein Facebook, er schrieb Briefe auf seiner Olympia oder Postkarten mit der Hand. Für die Information waren die Nachbarin, Karl-Heinz Köpke, die BILD und natürlich die Lokalzeitung zuständig. Mein Opa war kein mächtiger Blogger oder Twitterer, er hat, soweit ich weiß, in seinem ganzen Leben keinen einzigen Leserbrief geschrieben. Er partizipierte nicht, er konsumierte. Mein Opa war ein sehr glücklicher Mensch.

Ja, wir sind mächtiger geworden
Haben die 13 Jahre seit dem Cluetrain-Manifest, diese 13 Jahre der unentwegten Beschleunigung, die Welt besser gemacht? Sind wir glücklichere Menschen als zuvor? Das Cluetrain-Manifest prognostizierte eine Machtverschiebung vom Anbieter auf den Nachfrager. Das wird für immer mehr Branchen relevant, besonders bekommt das der Handel zu spüren. Wir orientieren uns an Bewertungen, die Bedeutung des Pushmarketings nimmt immer mehr ab. Wir erwarten von Unternehmen, dass sie von ihrem hohen Ross heruntersteigen und mit uns sprechen.

Wir haben mehr Macht, aber wir greifen zu kurz. Wenn die Macht durch die Masse gehalten wird, gibt es einen Punkt, an dem genau das sie behindert. Ja, Social Media war für die Proteste in Nordafrika ein Katalysator. Mit ungeheurem Enthusiasmus, viel Idealismus, atemberaubender Geschwindigkeit und der Unzufriedenheit von Jahrzehnten wurden auf den Straßen und Plätzen von Kairo, Tripolis und Tunis, friedlich oder mit Gewalt, Diktatoren verjagt. Doch dann kam die Leere. Es gab keinen charismatischen Anführer, niemanden, der die Fäden in der Hand hielt. Es fehlt das Wissen um den nächsten Schritt. In Ägypten haben wir dieses Spiel in den Jahren 2010 und 2013 bereits zweimal beobachten können. Man kann diese geringe Halbwertszeit aber auch bei den Piraten beobachten. Als Graswurzelbewegung ebenfalls enthusiastisch gestartet, fehlten ihnen die Struktur, aber vor allem prägende Köpfe, um nachhaltig Erfolg zu haben.

Ja, wir sind freier geworden
Jeder kann seine Meinung publizieren, egal, ob sie interessiert oder nicht. Alle haben potenziell den gleichen Zugang zu den Medien und können die Menschen erreichen. Kennen Sie den kleinen Globus neben Ihrem Facebook-Posting? Alle Menschen von den afghanischen Bergen bis zum brasilianischen Dschungel könnten theoretisch diesen einen Beitrag lesen, wenn er nur interessant genug ist, sich zu verbreiten. Das führt zu einer neuen Transparenz innerhalb der Gesellschaft, die noch viel verändern wird. Dabei haben es Beiträge mit Anspruch viel schwerer als leichte Kost.

Es ist viel einfacher die Massen zu erreichen, wenn Sie idealerweise ein Video von sich posten, bei dem Sie besonders bescheuert bekleidet von einem Trampolin springend gegen eine Glasscheibe krachen, als ein kluge Aussage, die die Welt verändern könnte. Wir beobachten eine zunehmende Boulevardisierung und Skandalisierung, deren Auswirkungen in Zukunft sehr kritisch zu begleiten sein werden. Die Relevanzbewertung von Beiträgen bei Facebook und das Streben nach Reichweite führen nämlich leider auch zum Sieg des Durchschnitts über die Intelligenz.

Auf unserem Weg haben wir aber auch an anderer Stelle versagt, denn unsere Privatsphäre ist nur noch ein hohler Begriff. Amazon weiß alles, Google weiß alles, Apple weiß alles, die NSA weiß alles, der BND eher nicht. Wir können verschämt abends die Vorhänge zuziehen, aber eigentlich laufen wir den ganzen Tag ohne Hose durch die Welt. Durchsichtig wie ein Stück Esspapier. Unsere Gedanken, unsere Leidenschaft und unsere Geheimnisse werden in einer Datenbank gespeichert.

Wir geißeln uns selbst
Das Smartphone ist unser ständiger Begleiter geworden. Wir sind daueronline, immer vernetzt, irgendwie immer im Dienst. Viele mobile Websites haben die meisten Zugriffe frühmorgens und spätabends, wir liegen im Bett und konsumieren. Wir beklagen uns über Burnouts, eine fehlende Work-Life-Balance und erwischen uns doch dabei, dass wir nachts auf dem Weg zur Toilette noch einmal kurz in unsere Mails schauen. Unsere Welt spielt sich zunehmend auf kleinen Displays ab. Natürlich erweitern sie die Realität nur, die digitale Vereinsamung ist eine Mär, aber sie lassen uns auch rastlos werden. Die Erholungspausen werden kürzer, der Akkord des Lebens erhöht sich immer mehr, vielen fällt es schwer, die Balance zu halten.

Unsere Menschheit hat sich in den Jahrmillionen immer weiterentwickelt. Meist war diese Entwicklung zu Beginn übersteigert und hat sich dann schnell auf ein adäquates Maß des optimalen Nutzens für den Einzelnen eingependelt. Wir leben in einer anderen Welt als der meines Großvaters. Die Revolution veränderte die Gesellschaft nur, sie machte sie nicht per se besser. Wir sind verkatert wie nach einer Party, dennoch werden wir keine Konterrevolution erleben. Wir sind Süchtige. Wir haben es verlernt, uns ein Leben vorstellen zu können ohne Spotify-Playlists, Dauerinformation, unser Smartphone, Facebook und Datenroaming am Nordpol. Niemand wird uns entwöhnen können. Machen wir das Beste draus.

 

 

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Florian Stöhr

Über Florian Stöhr:

Seit Januar 2012 bin ich bei buw an Bord. Anfangs leitete ich im Marketing das „Team Digital“. Dort arbeitete ich gemeinsam mit der Geschäftsentwicklung an der Professionalisierung unseres ... [Mehr]

2 Kommentare
  1. Theo König Hallo Zusammen. Ich nehme mal Bezug auf die Überschrift: Sind wir glücklicher? Ich kann natürlich nur für mich und mein eigenes Glück sprechen, welches ich nicht durch ständiges Updaten für mich relevanter Informationen und permanenter Erreichbarkeit definiere. Glücklich bin ich dann, wenn ich frei entscheiden kann, ob, wo und in welcher Form ich mitmache oder nicht mitmache. So ist es auch mit den sozialen Medien: es ist ein KANN, kein MUSS. Ich bin recht aktiv auf diversen Plattformen - jedenfalls aus meiner Sicht. Ich bin schneller informiert und schneller auf dem Laufenden, was meine Interessen und Freunde angeht. Ja. Aber nur weil ich etwas über oder von einem Freund lese oder sehe, partizipiere ich nicht an seinem Leben. Ich konsumiere das, was er von sich preis gibt, um in Ihrem Bild zu bleiben bezüglich Ihres Opas. Insofern konsumieren wir durch das Überangebot von social media Plattformen Informationen wie täglich Brot, oder eben wie früher die Bild oder eine regionale Zeitung. Das Medium hat sich geändert, mehr Glück hat es nicht gebracht. Glück ist individuelles Empfinden: ich bin also nicht glücklicher durch social media.

  2. Sascha Tebben Ein lesenswerter Bericht in Sachen Social Media Entwicklung: I like! ;)

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